ENT- und VERbinden

Feuer, ein verbindendes Element

Milena Findeis

5/14/20263 min read

​Worauf fällt, von welcher Seite fällt das Licht herein?

Die Spiegelfunktionen, der blinde Fleck, all das Unbekannte, das sich den eigenen Denkmustern entzieht. Aus welcher Zeitepoche stammen die Glaubenssätze, in der Kindheit von den Bezugspersonen vorgelebt, die aus dem Unterbewusstsein agierend, jede neue Wahrnehmung verhindern?

1957 wurde ich von der noch nicht volljährigen Mutter in einem von einer Hebamme geleiteten Entbindungsheim entbunden. Aus Erzählungen weiß ich, dass die hochschwangere Mutter von einem Dorfbewohner auf einem Motorrad​ nach Unterpremstätten gefahren wurde. Ein Fingerzeig für die Affinität zum Motorsport während meiner Jugend. Mitte der 70er Jahre war die im Aichfeld, Murtal, errichtete Formel-1-Rennenstrecke​ namens Österreichring mein erster Arbeitsplatz.

Was brennt in mir

1. August 1976, ich arbeitete an den Einsatzplänen für den österreichischen Formel 1 Grand Prix als ich im Radio vom Unfall Niki Laudas am Nürburgring hörte. In der Nordschleife war sein Ferrari in Flammen aufgegangen. Eine Minute atmete er im brennenden Wrack giftige Gase ein und erlitt schwerste Verbrennungen am Kopf und im Gesicht. 42 Tage nach dem Unfall saß er in Monza wieder im Cockpit. Außer in meinem damaligen Büro, direkt an der Rennstrecke, traf ich ihn in seinem Haus in Anif. 1975 trug es die Handschrift von seiner Verlobten Mariella Reininghaus, zwei Jahre später das seiner ersten Ehefrau Marlene. Niki, war direkt, prägnant und fokussiert als Rennfahrer, Unternehmer und Mensch. Seine physischen Verletzungen akzeptierte er als Teil seiner Persönlichkeit. Bis Ende 1978 war ich mit der Welt des Motorsports verwoben.

1979 zog ich nach Zell am See und neben Ski- und Tennisport begann ich mich über jene Bücher von Peter Handke, die mir mein Bruder Tscho schenkte, für Literatur zu interessieren. Neben der Herausgabe einer Firmenzeitung für die Schmittenhöhebahn AG, der Festschrift für 75 Jahre Skiklub Zell am See schrieb ich Gedichte, lernte Lucas Suppin über eine Begegnung mit Peter Handke, Erich A. Richter, Richard Hirschbäck kennen. Nach einer Knieverletzung waren Skifahren und Tennis von den Ärzten gestrichen worden. Das führte zu einer neuen beruflichen Aufgabe nach Frankfurt a.M. Dort begegnete ich Hans F. Krebs, Helmut A. Gansterer und Rupert Riedl, tauchte tiefer in die Bücher von Franz Kafka, Václav Havel, Jan Skácel ein, um 1991 meinen Arbeitsplatz nach Prag zu verlegen.

In Prag lernte ich Michael March kennen, einen New Yorker Dichter der mit der Gründung des Prague Writers' Festival internationale Literatur nach Prag brachte. 2006 traf ich den russischsprachigen Dichter und Produzenten von Kultur-Radiosendungen Igor Pomerantsev, der seine Kindheit und Jugend in Czernowitz verbracht hatte und 2010 einer der Gründungsmitglieder des Literaturfestivals Meridian Czernowitz gewesen ist. Eng verknüpft mit Czernowitz ist der Dichter Paul Celan, in seinen Gedichten ist das Grauen des Zweiten Weltkriegs »Der Tod ist ein Meister aus Deutschland« (Todesfuge) zu spüren.

Über Celan begann ich Ingeborg Bachmann zu lesen, die am 17. Oktober 1973 an den Folgen von Verbrennungen starb. Eine Dichterin, die zeitlebens innerlich brannte. Niki Lauda und Ingeborg Bachmann – zwei prägende Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts mit österreichischem Pass. Sie stammen aus völlig unterschiedlichen Welten, dem technikgetriebenen Motorsport und der feinsinnigen Literatur. ​Die Intensität, wie sie lebten, ist für mich mit dem Element Feuer verbunden.

Ingeborg Bachmann

„Lieder auf der Flucht“ (Teil XV)

Die Liebe hat einen Triumph
und der Tod hat einen, die Zeit
und die Zeit danach. Wir haben keinen.

Nur Sinken um uns von Gestirnen.
Abglanz und Schweigen.
Doch das Lied überm Staub danach wird uns übersteigen.